Das MICE-Modell — Geld, Ideologie, Kompromittierung, Ego — ist das Standardwerkzeug, mit dem Nachrichtendienste seit Jahrzehnten die Motive von Verrätern einordnen. Es ist brauchbar, aber unvollständig: Die meisten Verräter erkennen sich in dieser Kategorisierung nicht wieder. Sie betrachten sich überhaupt nicht als Verräter. Unter der Oberfläche jedes großen Verrats liegt etwas, das sich schwerer benennen lässt — eine private Wunde, eine stille Kränkung, das Gefühl, dass die Institutionen dem Verräter nie gegeben haben, was er glaubte zu verdienen. Dieses Buch beginnt dort, wo MICE aufhört.
Die Kapitel durchqueren 2.500 Jahre und sechs Kontinente: Kautilyas Arthashastra — das ausgefeilteste Geheimdiensthandbuch der Vormoderne, 2.300 Jahre alt und bis ins 20. Jahrhundert verschollen — und Sunzis dreizehntes Kapitel über den Einsatz von Spionen bilden den Ausgangspunkt. Sechs Kapitel analysieren systematisch die Motive, von Geld über Ideologie und Erpressung bis zu den Fällen, die keine Kategorie sauber erfasst. Weitere Teile untersuchen die Psychologie des Doppellebens, die institutionelle Logik großer Doppelagentensysteme — das britische Double-Cross-System, das im Zweiten Weltkrieg praktisch jeden deutschen Agenten in Großbritannien unter Kontrolle brachte; Markus Wolfs HVA und die industrialisierte Romeo-Falle; Kubas verblüffende Durchdringung der CIA — sowie die Maulwurfsjagd selbst, von Angletons lähmender Paranoia bis zur geduldigen Verfolgung von Aldrich Ames.
Behandelte Fälle: Ames, Hanssen, Kim Philby und die Cambridge Five, GARBO, TRICYCLE, Ana Montes, Oleg Gordijewski, Heinz Felfe, Günter Guillaume, die Romeo-Agenten der Stasi — und Dutzende weniger bekannter Doppelagenten aus dem globalen Geheimdienstgeschäft des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus.






