Home » Blog » Matelotage: Das geheime Liebesleben der Piraten
Matelotage

Matelotage: Das geheime Liebesleben der Piraten

by PENNOCLE

Im Jahr 1699 unterzeichneten zwei Männer namens John Beavis und Francis Reed ein Dokument, das ihre Zukunft aneinander band: Vermögen, Beute, Erbe – alles sollte fortan gemeinsam sein. Beide waren Piraten. Das Schriftstück, das uns bis heute erhalten ist, gehört zu den wenigen schriftlichen Belegen einer Praxis, die unter Seeräubern der Karibik im 17. Jahrhundert weit verbreitet war: die Matelotage.

Was zunächst nach einer reinen Geschäftsabsprache klingt, wirft eine größere Frage auf. Wie organisierten Männer, die außerhalb jeder staatlichen Ordnung lebten, Dinge wie Erbschaft, Pflege im Krankheitsfall oder Beistand im Gefecht? Und warum wählten ausgerechnet Piraten – Gesetzlose per Definition – eine derart formalisierte, vertragsähnliche Lösung?

Dieser Beitrag ordnet die Matelotage historisch ein: ihre Ursprünge in den Bukanier-Gemeinschaften von Tortuga und Hispaniola, die Quellenlage, die wissenschaftliche Debatte über ihre genaue Natur und das, was sie über das Leben jenseits des Gesetzes verrät.


Was war Matelotage genau?

Der Begriff stammt vom französischen Wort matelot, „Seemann“, und bezeichnete ursprünglich nichts anderes als die Zusammenarbeit an Bord eines Schiffes. Unter den Bukaniers der Karibik – jenen halb-piratischen Jägern und Seeräubern, die ab den 1630er-Jahren von Tortuga und der Nordküste Hispaniolas aus operierten – entwickelte sich daraus etwas Konkreteres: ein verbindliches Bündnis zwischen zwei Männern.

Im Kern war Matelotage ein wirtschaftlicher Vertrag. Die Partner, Matelots genannt, vereinten ihr Vermögen und ihre Beute zu einer gemeinsamen Masse. Verstarb einer von ihnen, fiel sein Anteil automatisch dem Überlebenden zu – ein Erbrecht, das in einer Welt ohne Notare, Banken oder familiäre Bindungen vor Ort enorm praktisch war. Hinzu kam die Pflicht zum gegenseitigen Beistand: im Kampf, bei Krankheit, bei der täglichen Arbeit des Jagens und Räucherns von Fleisch, von dem die Bukaniers ihren Namen ableiteten.

Diese Praxis war nicht auf Piraten beschränkt. Auch Pflanzer und einfache Seeleute schlossen vergleichbare Partnerschaften. Doch unter den Bukaniers von Tortuga, wo Frauen in der Anfangszeit der Kolonie kaum vorhanden waren und die Gemeinschaft sich selbst die „Bruderschaft der Küste“ nannte, wurde Matelotage zu einer tragenden gesellschaftlichen Institution – sichtbar, akzeptiert und in vielen Fällen sogar mit einer formellen Zeremonie verbunden.

💬 ZITAT: Matelotage war keine Notlösung am Rand der Piratengesellschaft – sie war eines ihrer tragenden Fundamente.


Wirtschaftliche Notwendigkeit oder mehr? Der Kern der Debatte

Die eigentliche Frage, die Historiker seit Jahrzehnten beschäftigt, lautet nicht, ob Matelotage existierte – das ist gut belegt –, sondern was sie genau war. Hier teilt sich die Forschung in zwei Lager.

Die pragmatische Lesart, wie sie etwa der Ökonomiehistoriker Peter Leeson vertritt, sieht Matelotage primär als rationales Risikomanagement: In einem Umfeld mit extrem hoher Sterblichkeit durch Kämpfe, Krankheit und Schiffbruch bot die Partnerschaft eine Art informelle Lebensversicherung. Wer keinen Matelot hatte, hatte im Todesfall auch niemanden, der für ihn sorgte oder sein Eigentum übernahm.

Die andere Lesart, vor allem geprägt durch den Historiker B. R. Burg in seinem 1983 erschienenen und 1995 überarbeiteten Standardwerk, deutet die Praxis als institutionalisierten Ausdruck homosexueller Beziehungen innerhalb einer fast ausschließlich männlichen Gesellschaft. Burg argumentierte, dass die Bukanier-Gemeinschaften eine Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen entwickelten, die in der übrigen Gesellschaft der Frühen Neuzeit undenkbar gewesen wäre. Diese Interpretation gilt bis heute als einflussreich, wird aber von der Mehrheit der auf Piraterie spezialisierten Historiker als zu weitreichend kritisiert, unter anderem weil sie von einer durchgängig männlich besetzten Schiffswelt ausgeht, obwohl Frauen – als Verschleierte, Gefangene oder Teilnehmerinnen – nicht völlig abwesend waren.

📌 KERNERKENNTNIS

Beide Lesarten schließen sich nicht aus. Der zeitgenössische Bericht des Bukaniers Alexandre Exquemelin aus dem Jahr 1678 beschreibt Matelotage explizit als feste, fast feierliche Gewohnheit – ohne sie eindeutig als wirtschaftlich oder intim einzuordnen. Diese Offenheit war wahrscheinlich beabsichtigt: Eine Bindung, die je nach Paar unterschiedlich gelebt werden konnte, ließ sich in einer rechtlosen Gesellschaft flexibler verteidigen als eine starr definierte.


Belege, Akteure und der Versuch, die Praxis zu unterdrücken

Die wichtigste zeitgenössische Quelle bleibt Exquemelins Bericht. Der gebürtige Franzose diente von 1666 bis 1674 unter Henry Morgan als Wundarzt und veröffentlichte seine Erinnerungen 1678 in Amsterdam unter dem Titel De Americaensche Zee-Roovers – noch im selben Jahrzehnt ins Deutsche, Spanische und Englische übersetzt. Sein Werk gilt bis heute als zentrale Quelle für das Alltagsleben der Bukaniers, gerade weil er selbst Teil dieser Gemeinschaft war.

Matelotage

Eine zweite, oft zitierte Episode betrifft den Gouverneur von Tortuga, Jean Le Vasseur. Um 1645 ließ er nach eigenen Angaben mehrere Hundert bis knapp zweitausend Frauen aus französischen Gefängnissen auf die Insel verschiffen, in der Hoffnung, die Männer von ihren Matelotage-Bindungen abzubringen und stattdessen zu Pflanzerfamilien zu bewegen. Der Plan ging gründlich daneben: Mehrere Quellen berichten, dass etliche Bukaniers die neu angekommenen Frauen heirateten – und sie anschließend einfach mit ihrem bestehenden Matelot teilten, statt die Partnerschaft aufzugeben.

Zeitleiste — Matelotage in Schlüsselereignissen

JahrEreignis
um 1630–1640Bukaniers etablieren sich auf Tortuga; Gründung der „Bruderschaft der Küste“
1645Gouverneur Le Vasseur lässt Frauen aus Frankreich verschiffen, um Matelotage zurückzudrängen — ohne Erfolg
1666Alexandre Exquemelin trifft auf Tortuga ein und schließt sich den Bukaniers an
1678Exquemelins Bericht erscheint in Amsterdam — früheste detaillierte Schilderung der Praxis
1699Schriftlicher Matelotage-Vertrag zwischen John Beavis und Francis Reed dokumentiert
1983/1995B. R. Burgs Sodomy and the Pirate Tradition prägt die moderne akademische Debatte

Auch außerhalb von Tortuga finden sich Spuren der Praxis: Der berüchtigte Pirat Robert Culliford, Widersacher von Captain Kidd, soll über Jahre mit seinem Matelot John Swann zusammengelebt haben. Solche Fälle zeigen, dass Matelotage kein lokales Phänomen einer einzigen Insel war, sondern ein wiederkehrendes Strukturmerkmal der gesamten Bukanier- und Piratenwelt der Karibik.


Was uns Matelotage über das Leben außerhalb des Gesetzes verrät

Für heutige Leser liegt der eigentliche Wert der Matelotage nicht in der Frage, ob sie „die erste schwule Ehe der Geschichte“ war – eine Zuspitzung, die der komplexen Quellenlage kaum gerecht wird. Interessanter ist, wie Menschen ohne Zugriff auf staatliche Institutionen funktionierende Ersatzstrukturen schufen.

Piraten hatten keinen Zugang zu Notaren, Gerichten oder Banken. Wer ohne Familie vor Ort starb, hinterließ sein Eigentum theoretisch niemandem – ein Vakuum, das Konflikte und Chaos provozierte. Matelotage löste dieses Problem auf einfache, durchsetzbare Weise: durch gegenseitige Verpflichtung, die von der gesamten Gemeinschaft anerkannt und respektiert wurde. Genau diese kollektive Anerkennung machte aus einer privaten Abmachung ein quasi-rechtliches Instrument.

Matelotage

Wer sich heute mit der Sozialgeschichte der Piraterie beschäftigt, sollte Matelotage daher nicht isoliert betrachten, sondern als Teil eines größeren Musters: Piratengemeinschaften entwickelten eigene Regelwerke, Abstimmungsverfahren und Verteilungssysteme für Beute, oft demokratischer organisiert als die europäischen Gesellschaften, aus denen viele von ihnen stammten. Matelotage war ein Baustein in diesem improvisierten Rechtssystem.

💬 ZITAT: Eine Gesellschaft ohne Staat braucht trotzdem Regeln — Matelotage war eine der Antworten, die die Piraten der Karibik dafür fanden.

📚 Mehr erfahren

Wer tiefer in die dokumentierten Fälle, die Quellenlage und die Debatte um die Natur dieser Partnerschaften einsteigen möchte, findet in Matelotage: The Same-Sex Partnerships at the Heart of Pirate Society eine ausführliche Aufarbeitung mit Fokus auf konkrete historische Personen und Belege. Das Buch eignet sich besonders für Leser, die über die oft verkürzte Online-Darstellung hinaus eine quellenkritische Einordnung suchen.


Offene Fragen und die Grenzen unseres Wissens

Trotz der relativ guten Quellenlage bleibt vieles über Matelotage unsicher. Die meisten Berichte stammen von Außenstehenden oder wurden Jahre später verschriftlicht; direkte Aussagen der Matelots selbst über die Natur ihrer Bindung sind extrem selten. Der Vertrag von Beavis und Reed etwa dokumentiert die rechtliche Form der Partnerschaft, sagt aber nichts über ihre emotionale oder sexuelle Dimension aus.

Auch die akademische Auseinandersetzung ist noch nicht abgeschlossen. Während Burgs Thesen prägend blieben, hat ein Teil der jüngeren Piratenforschung versucht, das Bild zu differenzieren: Matelotage wird zunehmend als ein Spektrum verstanden, das von rein ökonomischen Zweckbündnissen bis zu lebenslangen, emotional engen Partnerschaften reichte – je nach individuellem Paar. Eine einzige, universell gültige Definition wird der historischen Realität wahrscheinlich nicht gerecht.


Fazit

Matelotage lässt sich nicht auf eine einzige Schlagzeile reduzieren. Sie war Vertragsrecht, Versicherung und Gemeinschaftsregel in einer Welt ohne Staat – und je nach Paar womöglich auch deutlich mehr. Gerade diese Mehrdeutigkeit macht sie zu einem aufschlussreichen Fenster in die Sozialgeschichte der Piraterie: Sie zeigt, wie Menschen am Rand der Gesellschaft eigene, funktionierende Ordnungen schufen, lange bevor irgendjemand sie dokumentierte oder gar verstand.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Geschichte der Piraterie weit mehr ist als Säbel, Schatzkarten und Galgen. Sie ist auch die Geschichte davon, wie Menschen unter extremen Bedingungen Bindungen aushandelten, die hielten, was Gesetze ihnen verweigerten.


🔑 DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE

  • Matelotage war ein verbindlicher Pakt zwischen zwei Bukaniers/Piraten mit gemeinsamem Vermögen und automatischem Erbrecht.
  • Die früheste detaillierte Quelle stammt von Alexandre Exquemelin (1678), der selbst unter Bukaniers lebte.
  • Gouverneur Le Vasseurs Versuch von 1645, die Praxis durch importierte Frauen zurückzudrängen, scheiterte.
  • Ein erhaltener Vertrag von 1699 (Beavis/Reed) belegt die konkrete rechtliche Form solcher Partnerschaften.
  • Die Forschung ist sich uneinig, ob Matelotage primär wirtschaftlich, primär intim oder ein Spektrum aus beidem war.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet Matelotage genau?

Matelotage war eine im 17. Jahrhundert unter Bukaniers und Piraten der Karibik verbreitete Partnerschaft zwischen zwei Männern. Sie regelte gemeinsames Eigentum, gegenseitige Beistandspflicht und automatisches Erbrecht im Todesfall. Der Begriff leitet sich vom französischen Wort für Seemann ab und war ursprünglich rein wirtschaftlich gedacht.

War Matelotage eine Form der Ehe?

Manche Historiker vergleichen Matelotage mit einer Ehe, weil sie lebenslange Verpflichtung, gemeinsames Vermögen und Erbrecht umfasste. Andere betonen den rein vertraglichen, wirtschaftlichen Charakter. Vermutlich variierte die Praxis von Paar zu Paar zwischen reiner Zweckgemeinschaft und enger persönlicher Bindung.

Matelotage

Wer hat Matelotage zuerst beschrieben?

Die ausführlichste zeitgenössische Beschreibung stammt von Alexandre Exquemelin, einem Wundarzt, der von 1666 bis 1674 selbst unter karibischen Bukaniers lebte. Sein 1678 in Amsterdam veröffentlichter Bericht gilt als wichtigste Primärquelle zur Sozialgeschichte der Bukaniers und damit auch zur Matelotage.

Warum versuchte Gouverneur Le Vasseur, Matelotage zu unterbinden?

Le Vasseur sah in der weit verbreiteten Matelotage ein Hindernis für eine stabile, familienbasierte Kolonie auf Tortuga. Um 1645 ließ er Hunderte bis knapp zweitausend Frauen aus französischen Gefängnissen importieren, in der Hoffnung, die Männer zu Ehen und Landwirtschaft zu bewegen. Der Versuch scheiterte weitgehend.

Gibt es schriftliche Belege für Matelotage-Verträge?

Ja, wenn auch selten. Ein dokumentierter Vertrag zwischen den Piraten John Beavis und Francis Reed aus dem Jahr 1699 ist eines der wenigen erhaltenen Schriftstücke, die die konkrete rechtliche Form einer solchen Partnerschaft festhalten, einschließlich der Regelung von Eigentum und Erbe.

Was unterscheidet Matelotage von anderen historischen Männerpartnerschaften?

Im Unterschied zu informellen Freundschaften war Matelotage ein formalisierter, von der gesamten Piratengemeinschaft anerkannter Pakt mit klaren wirtschaftlichen Konsequenzen — vergleichbar mit einem heutigen Vertrag, nicht nur einer sozialen Geste. Diese kollektive Anerkennung verschaffte ihr eine quasi-rechtliche Verbindlichkeit, die einfache Freundschaften nicht hatten.

Wird die Matelotage-Forschung heute noch diskutiert?

Ja. Die zentrale Kontroverse — wirtschaftliches Zweckbündnis versus intime Partnerschaft — geht auf B. R. Burgs einflussreiches Werk aus den 1980er-Jahren zurück und wird bis heute unter Piratenhistorikern verhandelt. Neuere Forschung tendiert dazu, Matelotage als Spektrum statt als einheitliches Phänomen zu verstehen.


Quellen & weiterführende Literatur

You may also like